Protestbriefe aus Polen
Missmut über Visumszwang
In Polen mehrt sich die Verstimmung über die Visumspflicht bei der
Einreise in die USA. Nicht zuletzt auf Grund des Engagements im Irak erwartet
Warschau mehr Verständnis. Vor seiner US-Visite fordert Präsident Kwasniewski
eine Liberalisierung der strikten Visumsregelung.
Von Thomas Roser, Warschau
Ungewohnt kritisch gehen derzeit Polens sonst so amerikahörige Medien
und Politiker mit dem großen Verbündeten ins Gericht. Von einer ¸¸gewissen
Stagnation" in den bilateralen Beziehungen spricht der nationale
Sicherheitsberater Marek Siewic: ¸¸Wir haben unsere Verpflichtungen gegenüber
den USA mehr als erfüllt, nun ist es an der Zeit, unsere eigenen Forderungen zu
stellen." Freundschaft dürfe ¸¸keine Einbahnstraße" sein, warnt der frühere
Staatssekretär Radek Sikorski. Das Boulevardblatt ¸¸Fakt" fordert seine Leser
gar zum Schreiben vorformulierter Protestbriefe an den US-Präsidenten Bush auf:
¸¸Polen ist der treueste Verbündete der USA. Unsere Soldaten haben Schulter an
Schulter im Irak gekämpft. Unsere Bürger müssen sich bei der Einreise in die USA
einer unakzeptablen Prozedur unterziehen."
Auf wachsenden Missmut in Warschau stößt vor allem Washingtons
Festhalten am Visumszwang für polnische Staatsbürger. Trotz der Nibelungentreue
zum großen Waffenbruder, der Übernahme einer eigenen Besatzungszone und der
Entsendung von 2500 Soldaten in den Irak fühlen sich viele Polen von der
populären Führungsmacht weiterhin als Bürger zweiter Klasse behandelt. Bereits
Anfang der 90er Jahre hatten die USA die Abschaffung der Visumspflicht in
Aussicht gestellt. Doch wegen der hohen Zahl polnischer Schwarzarbeiter in den
USA sind die Bürger des Lieblingsverbündeten dort nachwie vor misstrauisch
beäugte Gäste.
Statt wie erhofft liberalisiert wurden die Einreisebestimmungen für
Polen im vergangenen Sommer noch verschärft. Der Preis für einen Visumsantrag
ist von 45 auf 100 Dollar geklettert. Der stattliche Obolus wird auch nicht
zurückerstattet, wenn dem stundenlangen Warten vor der US-Botschaft eine
Verweigerung des Visums folgt. Doch selbst mit Visum und Rückflugticket ist die
Einreise ins gelobte Land keineswegs sicher: Jährlich werden zehntausende von
Polen ohne Begründung von den US-Grenzern sofort wieder in ein Flugzeug nach
Hause gesetzt. Staatspräsident Aleksander Kwasniewski hat unterdessen
angekündigt, die angestrebte Liberalisierung der Visumsregelung zu einem der
Hauptthemen während seiner US-Visite in der nächsten Woche zu
machen.
ROSER / ROSER © 2003 Stuttgarter
Zeitung |
|