Was wollen die Scheichs von Katharina Blum? Zur Kölner Heinrich-Böll-Gesamtausgabe, zweite Lieferung Von Michael Bengel "Es ist mir gleichgültig, ob irgendeiner nach meinem Tod sich noch für irgend etwas interessiert, was ich geschrieben habe." Das schrieb im Januar 1972 Heinrich Böll. An den Tod hat er dabei ganz sicher nicht gedacht, der Satz war auf die Gegenwart gemünzt: Am 10. Januar war im "Spiegel" unter einem nicht von ihm autorisierten Titel sein Artikel "Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?" erschienen, sein - im Effekt - wenig hilfreicher Versuch, Entspannung in die öffentliche Terroristenhatz der "Bild"-Zeitung zu bringen, womöglich Ulrike Meinhof und ihre Baader-Meinhof-Gruppe zur Aufgabe zu bewegen. Die daraufhin in vielen Medien losgetretene Schlammlawine drohte in einem schmutzigen Gemenge von politischer Gegnerschaft, Fehldeutungen und Ressentiments den Autor zu erschlagen. Heinrich Böll sei zu weit gegangen, so sinngemäß der eher liberale NRW-Minister Diether Posser im "Spiegel" - "Man muss zu weit gehen", schrieb Böll zurück. All dies ist nachzulesen im jetzt erschienenen Band 18 der Kölner Gesamtausgabe, der die Jahre 1971 bis 1974 im Schaffen des Nobelpreisträgers behandelt. Es sind "die Jahre, die ihr kennt", nach einer Formulierung Peter Rühmkorfs. Es sind die Jahre vor dem "Hetz-, Hatz-, Hysteriejahr" (Böll), das erst 1977 folgte. Doch die lebendigste Erinnerung hat ihre Halbwertszeit, die jeweilige Gegenwart ist als Vergangenheit nur wenig später schon mählicher Verwitterung anheimgegeben. Die Amnesie des öffentlichen Bewusstseins macht aus dem Miterlebtem Schattenbilder und reduziert einst politisch Strittiges heute zum opportunen Schlagwort: Böll sprach damals schon, am 6. Februar 1972 in einem Leserbriefentwurf, von "einer Erziehung zur Verplattung" und seufzte, dreißig Jahre vor Pisa: "Ich habe keine Zeit, Voraussetzungen zu schaffen, die auf der Volksschule, auf dem Gymnasium und anderswo geschaffen werden müssen: Lesen beibringen!" Vor einem solchen Hintergrund, in dem die aktuelleren Veränderungen der Lesegewohnheiten noch zusätzlich als Hemmnis wirken, zeigt Band 18 der Werke Heinrich Bölls, der gemeinsam mit den Bänden 3 und 4 aus der Frühzeit des Autors erschienen ist, wie wichtig eine detaillierte Kommentierung selbst jüngerer Veröffentlichungen ist. Sie ist für die Texte sogar überlebenswichtig. Die gehäufte Erwähnung von Scheichkostümen in der Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" - die Novelle bildet den Höhepunkt des 18. Bandes - bleibt stumm oder wird im Zusammenhang mit Blut gar fälschlich auf den gegenwärtigen Irakkonflikt ausgeweitet, wenn der Leser nichts mehr von der Ölkrise des Jahres 1973 weiß. Fast die Hälfte der 830 Seiten von Band 18 ist dem Kommentarteil vorbehalten: nicht zu viel, um den politischen Diskurs in jenen Jahren wenn nicht nacherleben, so doch nachlesen zu können, auch die Paradoxie von Bölls Bemühungen, damals kursierende Begriffe wie Gnade und Verfolgung als Literat anders zu verstehen als gemeinhin üblich und an ihnen andere Dimensionen zu entdecken. Zugleich musste er heftig Versuche abwehren, ihn als Schriftsteller aufs Podest zu stellen wie einen selbst ernannten Heiligen, um ihn in dieser Sonderstellung nur umso wirksamer attackieren zu können. "Der Stellenkommentar vermittelt zeitgeschichtliche Verweise in Form von Sacherläuterungen", heißt es lapidar in jedem Band "Zu dieser Ausgabe". Was aber, wenn die vermeintliche Sache in einem fiktionalen Rahmen, in fiktionalen Zusammenhängen erscheint, beispielsweise im Roman? Dann wird die "Sacherläuterung" zum Eiertanz mit Ausfallschritten in die subjektive Interpretation. Darf man die heute so genannten Leerstellen des Textes als Botschaften des Autors deuten? Wenn sich etwa Kennern die Vermutung aufdrängt, hinter dem hohen "Karnevalsfunktionär, Weinhändler und Sektvertreter" in der "Katharina Blum" sei der historische Kölner Festkomiteepräsident und Wein- und Sekthändler Thomas Liessem zu erkennen: darf man die Formulierung dann als absichtlichen Hinweis des Verfassers werten? Hier wird die Kommentierung zum reizvollen, doch unabschließbaren und schwierigen Geschäft, wenn die Einsichten des Rezipienten zu Absichten des Produzenten umgedeutet werden. Dem Namen Katharina Blum lesen die Herausgeber beispielsweise zwei Konnotationsmöglichkeiten ab. "Katharina" heiße "die Reine", "Blum" hingegen sei als "im Rheinischen weit verbreiteter Name" die "Kennzeichnung der Normalität Katharina Blums". Das mag so sein. In der textkritischen Revision der Typoskripte aber steht, von keinem Kommentar berührt, der Name Katharinas in der Erstschrift sei noch "Plumm" gewesen: Verweist dieser Name auf oder erinnert er nur an die neben Katharina(!) Henot stadtbekannte Kölner Hexe Christina Plum, eine junge Frau von 24 Jahren, die sich 1630 selbst der Hexerei bezichtigte und im Prozessverlauf zahlreiche Mitglieder der Oberschicht durch ihre Beschuldigungen in große Schwierigkeiten brachte? Ist es nicht ebendas, was die Novelle um die Hexenjagd auf Katharina Blum und ihren "Herrenbesuch" auf einer ihrer Textebenen erzählt? Das wiederum führt mittelbar zum editorischen Prinzip, also der böllschen Grundidee der "Fortschreibung" in strenger Chronologie, sodass Leserbriefe, Rezensionen, Essays und Romane gleichberechtigt nebeneinander stehen und nur dem Datum der Erscheinung nach geordnet sind - für Editionen die "modernere" Anlage gegenüber den Klassikerausgaben nach Textgruppen. Denn ist nicht auch für Heinrich Böll die "Katharina Blum" eine Art der Stellungnahme zu bestimmten Praktiken der Presse gewesen, ganz so wie ein Leserbrief aus seiner Feder? Und sollte man nicht, umgekehrt, dem Leser, der das Buch "für sich" liest und nicht als die Seiten 322 bis 417 eines brikettstarken Leinenpakets, die Einsicht in die Gültigkeit des Fortschreibungsprinzips auch ohne solche nachdrückliche Hilfe selber überlassen dürfen? Mehr als eine Krücke ist die strenge Textchronologie ja sowieso nicht. Denn Böll hat über die "Katharina Blum" schließlich nicht erst nachgedacht, als seine geplante Abschiedsrede für den scheidenden Bundespräsidenten Gustav Heinemann am 29. Juni 1974 in der "Süddeutschen" erschienen war und der "Spiegel" schon die Maschinen für den Vorabdruck der "Katharina Blum"-Novelle angeworfen hatte. So oder so: es bleibt spannend. Und nächstes Jahr dann wieder mehr! Heinrich Böll: Werke. Kölner Ausgabe. Kiepenheuer & Witsch, insgesamt 27 Bände. Band 3: 1947-1948. Hrsg. von Frank Finlay, Jochen Schubert. 832 Seiten. Band 4: 1949-1950. Hrsg. von Hans J. Bernhard. Belletristik. 857 Seiten. Band 18: 1971-1974. Hrsg. von Viktor Böll, Ralf Schnell. Lyrik, Interviews u. a. 830 Seiten. Jeder Band kostet 34,90 Euro. © Stuttgarter Zeitung, aktualisiert: 15.01.2004, 05:05 Uhr