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ES 21.11.2002
Stern – Ausgabe Nr. 48 /
„Kanzlers Zähne klappern
Auf
Ihren Artikel möchte ich mich mit einigen kritischen Bemerkungen und
Denkanstössen einlassen.
Wäre die Situation nicht so ernst, man könnte über
das „Geschreibsel“ so mancher Journalisten nur lächeln. Zwar ist die
Bundestagswahl entschieden, allerdings ist auch die „Journallie“ nicht bereit
die Entscheidung der Wähler zu akzeptieren. Es besteht offenbar Hoffnung,
dennoch „Recht“ zu behalten. Dass hierzu auch die Verbiegung der Wahrheit und
der Fakten dienen muss, ist nach heutigem Selbstverständnis der auflagenorientierten
Presse alltäglich geworden. Besteht doch die Hoffnung, dass die Regierung nach
den nächsten Landtagswahlen kapitulieren muss. Schließlich ist ja die Presse
auch die vierte (allerdings nicht legitimierte) Macht im Staat. Im übrigen ist
es wohl aus Sicht so mancher Journalisten unerhört und nicht hinnehmbar, dass
der Wähler u.a. gegen die vereinte „Journallie“ anders entschieden hat.
Die Verbiegung der Wahrheit geschieht auf leisen
Sohlen, mit vereinfachten Aussagen und scheinbar selbstredenden Wahrheiten und
Lügen. Was hat Eichel denn nun wirklich gewusst? Was hätte er wissen müssen?
Was hat er verschwiegen? Die Antwort Ihres oberflächlichen Kommentars ist
einfach. Es werden erst gar nicht Fakten genannt, es wird schlicht die
Behauptung der Lüge aufgestellt bzw. wiederholt oder einfach abgeschrieben.
Wahrlich ein intellektueller Kraftakt. Da es die gesamte „Journallie“ schreibt
und vor allem die Opposition behauptet, muss es ja richtig sein. Es kommt gar
nicht darauf an eindeutige Belege dafür zu liefern. Ziel ist ja auch mehr die
Vernichtung der Regierung und da ist jedes Mittel erlaubt. Und warum soll man
nicht daran teilnehmen. Es ist so schön dann auf der Siegerseite zu sein.
Dass Eichel mehrfach deutlich darauf hingewiesen
hat, dass der Haushalt auf „Kante“ gelegt ist, wird entlarvend in den Texten
verschwiegen. Auch dem semantischen Laien musste bei der Wortwahl klar sein,
dass bei Überschreiten einer „Kante“ der „Absturz“ droht, jedenfalls eine
schwierige Situation für den Bundeshausalt zu erwarten ist. Wer angesichts
dieser klaren Aussage die Behauptung aufstellt, dass die Bundesregierung die
Situation verschwiegen hat, muss sich selbst der Lüge bezichtigen lassen.
Wer außerdem angesichts des 11. September, der
anhaltenden Krise in Japan, dem Niedergang der Finanzwelt (Börsenwerte) und dem
drohenden Irak-Krieg sowie der Flutkatastrophe mit einer florierenden
Konjunktur rechnen wollte, der hat offenbar jegliches Augenmaß für die Realität
verloren. Hier wäre viel deutlicher zu hinterfragen, warum die
Konjunkturprognosen der wissenschaftlichen Institute, auf die sich Regierungen
selbst-verständlich abstützen, so lange zu positive Einschätzungen abgegeben
haben. Die gleichen „Fachleute“ kritisieren heute die Bundesregierung. Es
erscheint geradezu albern und zynisch, dass die versammelte Fachwelt inklusive
der Journalisten nunmehr beklagen, dass die Regierung nichts gewusst habe. Hier
wird dem Zynismus die Krone aufgesetzt; diejenigen die sich ansonsten als
Fachjournalisten, Wissenschaftler und Konjunkturexperten feiern lassen fragen
die Bundesregierung danach, was man hätte wissen müssen/sollen.
Die Wahrheit liegt möglicherweise ganz woanders. Es
ist eher anzunehmen, dass die „Journallie“, die Opposition und die
wissenschaftlichen Institute schon seit geraumer Zeit die Entwicklung
realistischer als heute zugegeben eingeschätzt haben. Aber warum wurde dann von
diesen Gruppierungen die Realität verschwiegen? Hatte man die Absicht durch
behutsames Vorgehen/Verschweigen die Wirtschaft zu schützen um nicht auch noch
das Weihnachtsgeschäft zu gefährden? Hatte die Opposition Befürchtungen, dass
durch allzu negative Nachrichten die Bundestagswahl gefährdet wäre? Und warum
hat die Bundesregierung die sicherlich vorhandenen Kenntnisse der schwieriger
werdenden Konjunkturlage nicht noch deutlicher vor der Wahl genannt?
Es gibt aus meiner Sicht eine klare Antwort. SPD und
Grüne haben die Folgen der „verkündeten Wahrheiten“ nach Fall der Mauer noch in
Erinnerung. Die ökonomischen Wahrheiten der SPD, die keiner hören wollte (inkl.
der Journallie), hatten zur Wiederwahl der CDU/CSU – FDP-Koalition geführt.
Dass hier der Ausgangspunkt der heutigen wirtschaft-lichen Schwierigkeiten
liegt, will bis heute kaum jemand zur Kenntnis nehmen. Dies ergibt sich wohl aus dem gewandelten
Selbstverständnis der „Journallie“; sie will nicht länger nur Berichterstatter
und Kommentator sein, sie will vielmehr mit entscheiden und beeinflussen wer
regieren oder gewählt werden soll. Fakten und Wahrheiten spielen bei diesem
Selbstverständnis nur noch dann eine Rolle, wenn es in das eigene politische
Konzept passt.
Zur Erinnerung: Die Wahl des Wechselkurses sowie die
Freigabe zur Ausbeutung der brauchbaren Teile der ostdeutschen Wirtschaft wird
einmal, bei ehrlicher Analyse der Vorgehensweise der Verantwortlichen in
Regierung und Wirtschaft, von den Geschichtsschreibern als „grandiose Fehlleistung“ in der
Wirtschaftsgeschichte Deutschlands beschrieben werden müssen. Schon damals
befand sich die deutsche Wirtschaft in einer schwierigen Situation. Sie wurde
durch die Wiedervereinigung und den gigantischen Schuldenaufbau verdeckt. Die
einseitige Belastung i.w. der Arbeitseinkommen bzw. der Verzicht auf die
Finanzierung der Wiedervereinigung durch alle gesellschaftlichen Gruppen ist
mit ursächlich für die heutige Finanzlage.
Dass damit auch das Analysieren und Anfassen der
erkennbaren strukturellen Probleme von 1990 bis 1998, also in Zeiten der
CDU/CSU-FDP geführten Regierung, i.w. ausgeblieben ist, wen sollte das wundern.
Hierzu gab es ja auch seitens der Verantwortlichen zunächst noch keinen
Handlungsbedarf. Die Wirtschaft war ja auch mit der Ausbeutung der Ostländer
beschäftigt; es lebe der Neoliberalismus! Die sich frei und ungezügelt
entwickelnde Weltwirtschaft wird es schon richten. So jedenfalls die naive
Einschätzung bzw. der Glaube der damaligen Regierung an die alles richtende
Wirtschaft. Und hier ist „Naivität“ noch eine wohlwollende Interpretation der
Geschichte. Besseres Wissen fiele wohl in die Kategorie „Regierungs-Zynismus“.
Erst mit schwieriger werdender Weltkonjunktur stellte sich die „ökonomische
Wahrheit“ wieder ein. Wer denkt denn schon noch daran, dass die heutigen
Probleme eigentlich bereits die Probleme
der frühen 90er Jahre waren. Wer diese Fakten bei der Beurteilung der aktuellen
Regierungspolitik nicht berücksichtigt,
sagt die Unwahrheit. Es wundert daher nicht, dass das von Bundeskanzler
Schröder postulierte „Primat der Politik“ bisher kaum diskutiert wird. Dies
passt ja auch nicht in verbale Vereinfachungen wie „Lüge“ und „Betrug“. Da
müsste ja auch der intellektuelle Zeitschriften-Schreiber einmal nachdenken,
was dieser Begriff bedeutet und ob nicht doch die aktuellen Maßnahmen der
Regierung einer Konzeption folgen die, welch Überraschung, sogar aus der
Regierungserklärung ablesbar ist. Zugegeben, wer sich vordergründig und
hauptsächlich mit der Frage beschäftigt, wer regieren darf und wer nicht, der
übersieht diese Zusammenhänge.
Zur Nachdenkenshilfe:
Primat der Politik bedeutet u.a., dass die Länder
und Kommunen wieder handlungsfähig werden bzw. handlungsfähig bleiben.
Primat der Politik bedeutet auch, dass der Staat für
eine ausgewogenen Beitrag der Bevölkerungsgruppen sorgt (à Abbau von nicht mehr sachgerechten
steuerlichen Vergünstigungen, Transfer- und Sozialleistungen – z.B. Absenkung
der Arbeitslosenhilfe -).
Primat der Politik bedeutet auch, die Rolle des
Staates, der Länder und Kommunen im Umfeld/Wirkungskreis der nationalen
Wirtschaft, des EG-Wirtschaftsraumes sowie der Weltwirtschaft neu zu gestalten
bzw. zu justieren ist. Dass hier übrigens kaum eine „wissenschaftliche“
Fundierung der Ökonomie bzw. der sog. Staatswissenschaft unter Berücksichtigung
vorgenannter Aspekte vorliegt, ist bisher scheinbar kaum aufgefallen. Hoch lebe
die Weisheit der überholten Volkswirtschaftslehre, die allenfalls nur noch als
„Stückwerk-Technologie“ bezeichnet werden kann! Die heutigen Kritiker und
Kommentatoren der Regierungspolitik in Sachen Wirtschaft befinden sich nach
meiner Einschätzung i.w. auf dem Wissensstand der 60er Jahre. Was in diesem
Zusammenhang „Modell-Theorie“ bedeutet, selbst dies dürfte den meisten
Kommentatoren als Basiswissen abhanden gekommen sein. Deshalb ist es auch nicht
verwunderlich, dass die seinerzeitigen einsamen Rufer in der (Wissens-)Wüste
keinen Erfolg hatten, als sie eine
europäische Finanz- und Wirtschaftspolitik forderten und auf unabsehbare Folgen
hinwiesen, sofern dies nicht kurzfristig gelänge (u.a. Prof. Hankel).
Aus dieser Sicht sind die aktuellen Verlautbarungen
über den richtigen ökonomischen/fiskalischen Weg allenfalls erheiternd. Ohne
Verständnis und Wissen über die Wirkung kurzfristiger, mittelfristiger und
langfristiger Maßnahmen bezogen auf die Fiskal- und Wirtschaftspolitik und mit
Bezug auf die europäischen Restriktionen kann keine seriöse Kritik erfolgen.
Deshalb wundert es nicht, dass Presse und Opposition mit verbalen
„Vereinfachungen“ operieren. Aus der Wegnahme von „Steuervergünstigungen“
werden pauschal „Steuererhöhungen“, die ja die Konjunktur beeinträchtigen. Vom
„Grenzhang zum Verbrauch“ haben die meisten Kritiker scheinbar noch nichts
gehört. Die pauschale Verunglimpfung ist Trumpf. Es gilt ja auch mehr den
Wähler zur nächsten Wahl hin zu indoktrinieren. Was hilft da die
Erkenntnis/Wahrheit, dass wohlhabende Familien bei Wegfall einer nur marginal
spürbaren Steuervergünstigung ihr Konsumverhalten kaum ändern. So mancher
Kritiker hofft und kann sich überwiegend sicher sein, dass unbefangene Leser
die schlichten „Wahrheiten“ abkaufen und ihr Wahlverhalten darauf abstellen
werden.
Der in der Presselandschaft zu beobachtende Trend,
mit „einfachen“ Wahrheiten Stimmung zu machen, führt nach meiner Überzeugung zu
einer Destabilisierung der Demokratie. Sofern die Presse nicht mehr die Kraft
und den Willen hat, die Opposition nach fundierten Alternativen zu fragen, wird
Demokratie zur Farce. Ein Beispiel hierzu: Warum wird die Opposition nicht
aufgefordert ein Konzept zur
Begrenzung/Verhinderung der Ausbeutung des Gesundheitssystems durch die
Pharma-Industrie zu entwickeln? Was spricht eigentlich gegen die Mitwirkung der
Opposition an der Entwicklung von Ideen? Es müsste ihr doch um so leichter
fallen, da sie ja bekanntlich immer eine besondere Nähe zur Wirtschaft hat?
Alleine an diesem Beispiel wäre erkennbar, ob sich die Opposition zur weiteren
Ausbeutung bekennt oder ob sie sie mit der Regierung bekämpfen will! Ein
weiteres Beispiel wäre die Verschwendung öffentlicher Mittel. Wieso gibt es
eigentlich keine klaren Konsequenzen aus den Berichten der Bundes- und Landesrechnungshöfe?
Warum drängt die Opposition nicht danach, hier die Handelnden in die
Verantwortung zu nehmen? Angesichts der Milliardenbeträge die hier jährlich
verschwendet werden müssten Regelungen her, die zukünftig solche
Verschwendungen weitgehend unterbinden bzw. dafür sorgen, dass die
Verantwortlichen aus ihren Ämtern entfernt werden. Es wäre interessant einmal
von Ihnen zu hören, warum die Presse hier nicht mit verbaler Macht nach einer
Änderung verlangt! Die Regierung mit pauschalisierten und realitätsfernen
Behauptungen und Vorwürfen zu überschütten, deren Zynismus für den einfachen,
unbedarften Leser nicht ohne weiteres erkennbar ist, ist natürlich einfacher.
Da droht kaum ein Entzug von Anzeigen. Wer hat schon Verantwortung für den
Staat. Sollen die anderen doch sehen wie sie zurechtkommen. Und wenn eine neue
Regierung eine falsche Politik betreibt, dann werden Sie darüber schreiben,
sofern es die Werbeanzeigen zulassen!
Mit freundlichen Grüssen
gez. E. Schulze