Karl-Markus Gauß: Donau (1995)


Die Lehre der Donau

Ein Essay von Karl-Markus Gauß aus dem Fotoband „Donau“ von Inge Morath [1]



DER EXPERIMENTELLE FLUSS


Ein belgischer Ingenieur namens Maire hatte im 18. Jahrhundert eine kühne Vision. Er sah Europa, wie es von den Zufällen der Geographie beherrscht wurde, von unverschiebbaren Gebirgszügen, unvernünftig leeren Ebenen, mächtigen, doch kaum genutzten Flüssen, und dachte, daß es nicht gut war. Der kühle Phantast ahnte ein anderes Europa und machte sich auf nach Wien, den Kaiser für seinen Traum zu begeistern Und Josef II., Habsburgs freiester Geist und mutigster Reformer auf dem Herrscherthron, sah gleich seinem Ingenieur, daß es vieles gab, das zu verbessern war. Im einzelnen zu durchdenken, wie Wien zum Zentrum eines ganz Europa erfassenden Systems von Wasserstraßen werden könnte, war nun der Auftrag, mit dem Maire zu zeichnen, zu berechnen begann und zu träumen, die Unvollkommenheiten der Natur zu berichtigen fortfuhr. Die Donau, der europäische Strom, sollte zum Strom Europas werden, an den die anderen bedeutenden Flüsse über eine Vielzahl von Kanälen angeschlossen würden, sodaß von überall die Meere, die den Kontinent umspülten, auf dem Wasser zu erreichen wären. Mit Etsch und Adria im Süden, im Westen mit Main und Rhein, mit der tschechischen Moldau, der polnischen Weichsel, dem Dnjestr im fernen Zarenreich galt es die Donau über ein feines Netz von Kanälen, Durchstichen, künstlichen Wasserwegen zu verbinden. Aus den Plänen Maires, so leidenschaftlich entworfen, wurde damals nicht viel, und noch heute mögen sich manche dem belgischen Ingenieur hinterherärgern, daß zwischen Österreich und dem Mittelmeer störend wie je die Alpen ragen, von keinem Kanal durchstochen. Doch selbst aus ihrem Scheitern geht hervor, daß der Kaiser und sein Landverbesserer ein Europa bauen wollten, das im Zeichen der Donau stand. Geblieben ist uns davon immerhin die Gewißheit, daß die Donau alles kennt, was Europa kennt. Nichts Neues ereignet sich, es sei denn, an der Donau würde es erprobt werden, und nichts Altes kann verschwinden noch aus glücklicher Vergessenheit wieder auftauchen, das nicht schon in der Donau versunken war oder gespenstisch wieder an eines ihrer Ufer trat. Ungezählte Nationalitäten haben an diesem mächtigen Strom gesiedelt, der alles gesehen und erlitten hat, was die mittel- und südosteuropäischen Völker zuwege gebracht oder sich und einander angetan haben. Wovor uns heute schaudert, vor der Grimasse des Chauvinismus, dem Hall der aufeinander angewiesenen, doch periodisch aufeinander gehetzten Völker, dem Fanatismus der Enge, vor der Zerstörung der Natur, dem einebnenden Tritt des Fortschritts - dies alles finden wir an der Donau, verheerender denn irgendwo. Mit dem Schrecken findet sich an der Donau aber auch, was uns auf der Welt fasziniert: die Schönheit einer bald lieblichen bald schroffen, oft überraschenden Landschaft, der Reichtum an Kultur, die Vielfalt an Lebensweisen, die einander unaufhörlich beeinflussen und bereichern, nicht übertrumpfen; heiter gelassene Kunst und leidenschaftliche Lust des Lebens, oft bewiesener Großmut der Menschen; ihre trotzige Kraft, wider die Vereinheitlichung das Besondere zu entfalten und auf dem zu beharren, was sie unterscheidet … Die Donau hat die schlimmsten Despoten gekannt, aber auch gesehen, wie sie sich mit ihren Lakaien überstürzt davonstehlen mußten; an der Donau ist viel Blut geflossen, vergossen für Besitz, Herrschaft, Ideologie, doch an der Donau ist auch immer wieder die Toleranz wirksam geworden, nicht als intellektuelle Utopie aufgeklärter Geister oder als politisches Programm wohlmeinender Staatsdenker, sondern als lebensnahes Prinzip des Alltags, als praktizierte Lebensweisheit der sogenannten gewöhnlichen Menschen.


Es ist ein grauenhaftes und rätselhaftes Phänomen, daß die Donau nicht nur Romantiker und Naturfreunde, Abenteurer, Verliebte, Händler, Fischer angezogen hat, sondern auch Mörder, die für ihre Verbrechen die Ufer der Donau suchten. In jedem Krieg, der in einem der Donauländer geführt wurde, sind Menschen aus dem Landesinneren an die Donau gebracht worden, einzig zum Zwecke, daß ihnen dort ein schreckliches Ende bereitet werde. Im Jänner 1942 wird in der Hauptstadt der Wojwodina, in der von urdenklichen Zeiten her viele Nationalitäten friedlich nebeneinander und miteinander leben, die berüchtigte Razzia von Novi Sad exekutiert. Die Juden und Hunderte Serben der Stadt werden in einem langen, stundenlang immer wieder stockenden Elendszug an den zugefrorenen Fluß geführt, wo sie von Einheiten der ungarischen Besatzer erschossen und durch ausgesägte Löcher in die Donau gestoßen werden. Ähnliche Massaker sollten in Baja und in Budapest folgen, wo für die entsetzlichsten, keineswegs spontanen, sondern von langer Hand vorbereiteten Gewalttaten stets die Donauufer als Schauplatz gewählt wurden, als würden so die Verbrechen aus dem Gedächtnis fortgeschwemmt werden Die Wojwodina, die fruchtbare Ebene zwischen Donau, Theiß und Save, war eine europäische Versuchsstation, in der das Zusammenleben so vieler Nationen und Religionen exemplarisch erprobt wurde, zum Nutzen eines Landstriche und seiner vielsprachigen Bewohner. Mit den unerhörten Verbrechen an der jüdischen und der serbischen Bevölkerung ist ein Experiment blutig zunichte gemacht worden, dessen Schlußakte mit der Austreibung der deutschsprachigen Bevölkerung besiegelt wurde, die doch 200 Jahre lang dort gelebt hatte und ganz zu unrecht für die Verbrechen büßen sollte, die im Namen Großdeutschlands verübt worden waren. Einst ein blühendes Land, Kornkammer vieler Völker und Speicher widerstreitender kultureller Erfahrungen, ist die Wojwodina nach dem Zweiten Weltkrieg, der sie zuerst um die Juden, die in die Vernichtung getrieben, und dann um die Donauschwaben, die außer Landes gejagt wurden, ärmer gemacht hatte, auch wirtschaftlich verarmt; freilich ist sie immer noch wohlhabend gewesen im Vergleich zu anderen Regionen der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien, denn Tito hatte der Wojwodina den privilegierten Status einer autonomen Provinz innerhalb der Republik Serbien gesichert, welcher die Reste der alten Multinationalität schützen sollte; erst seitdem seine Nachfolger diesen Status beseitigt, die Wojwodina als bedrohtes Kernland des wahren Serbentums entdeckt und als Truppenübungsplatz des großserbischen Chauvinismus mißbraucht haben, ist sie wirklich darniedergekommen: was vordem wie von selber getan wurde, läßt sich heute durch keinerlei Kommandowirtschaft und auch nicht durch den nationalistischen Appell mehr mobilisieren. Ein Gebiet, das einst Serben, Ungarn, Juden, Schwaben, auch zahlenmäßig keineswegs unerheblichen Gruppen von Kroaten, Rumänen, Ukrainern, Slowaken, Bulgaren und selbst den, allerdings niemals für gleichberechtigt genommenen, Roma vielfältige Möglichkeiten der Entfaltung bot, ist endlich zur völkisch bereinigten Zone erklärt worden. Doch dieses Land wehrt sich, nimmt die neue, ihm unangemessene Ideologie nicht an – und verfällt. Es mehren sich die Nachrichten, daß das Wissen um ihre wahre Lebensgrundlage in dieser Region zunimmt und viele untergründig, doch alltäglich dem verordneten Prozeß der brutalen wie lebensfremden Gleichschaltung widerstehen. Und wie mit der Wojwodina, die stets bedroht war, in die Barbarei der Einfalt zu stürzen, und der doch immer wieder Menschen entwachsen, die den ganzen, den ungeteilten Reichtum dieser Region in sich tragen, wie mit der Wojwodina ist es mit der Slowakei, deren Hauptstadt drei Namen, Bratislava Preßburg Pozsony, und noch mehr Nationalitäten hat, ist es überall am Strom Europas: die Donau selber ist ein Experiment, das die ganze Welt betrifft — was hier mißrät, kann überall scheitern, was hier gelingt, läßt auch für anderswo hoffen.




DER STATISTISCHE FLUSS


Schon die antiken Geschichtsschreiber Ptolemäus, Strabon, Plinius suchten, was zu ihrer Zeit über die Donau bekannt war, zu sammeln und zu sichten. Heute hat sich die Donau-Forschung in aberdutzende Disziplinen ausgefächert, und unüberschaubar wächst die gelehrte Kenntnis eines Flusses, der unter jedem erdenklichen Gesichtspunkt untersucht, vermessen, erfaßt wird. Wer sich für „Keltische Höhensiedlungen an der mittleren Donau" interessiert, wird in besseren Bibliotheken so rasch fündig werden wie der, dem es um die "Geschichte und Technik der Fähren und Brücken über die österreichische Donau" geht; die ökologischen Wissenschaften stellen sich alljährlich warnend mit Forschungsberichten über "Naßbaggerungen im Landschaftsschutzgebiet" oder "Strategies for Conservation of a Danubian Fish Fauna" ein, Schriften, die so beachtet zu werden verdienten wie die auflagenstarken Radwanderführer, die saisonal aktualisiert werden und schon nach Dutzenden rechnen … Neben der spezialisierten Forschung, wie sie zuletzt in dem beachtlichen Katalog zur oberösterreichischen Landesausstellung 1994, "Facetten eines europäischen Stromes", erschöpfend dargetan wurde, wachsen freilich auch die Schwemmbänke, an denen sich die Donau-Feuilletonistik ablagert, und vor so viel gelehrten wie geschwätzigen Schriften reift unabweislich die Sorge: Gibt es sie wirklich, die Donau, oder ist sie eine Erfindung?


Vorweg sei daher kurz nacherzählt, was hinter Legenden und Mythen verborgen liegt, doch zweifelsfrei geschehen ist. Wie immer waren die Dinge am Anfang noch einfach: "Mit dem Zurückweichen des perialpinen Meeres, des Paratethys, zur Zeit der Unteren Süßwassermolasse, an der Wende vom Oligozän zum Miozän aus dem schweizerischen und west- bayrischen Molesseland, nimmt die Geschichte der Donau ihren Anfang." Der Wissenschaftler Bernhard Gruber, von dem dieses schöne Stück Donauprosa stammt, setzt den Beginn unserer heutigen Donau – im Unterschied zur "Prädonau", jenem riesigen, langsam ostwärts strömenden System von Flüssen, Seen, Tümpeln – ungefähr bei elf Millionen Jahren vor unserer Zeit an. Diese elf Millionen Jahre mußten fast zur Gänze vergehen, bis der erste Mensch die Donau erreichte. Für einen echten Österreicher, reinblütigen Serben oder sonstwie purifizierten Nationalisten der Urzeit sollte man ihn nicht halten, der da irgendwann in der jüngsten Eiszeit, welche die Praehistoriker als Würm bezeichnen und beiläufig auf die hunderttausend Jahre zwischen 120.000 und 12.000 vor Christus schätzen, aus dem Dunkel der Geschichtslosigkeit auftauchte. Ins Dunkel, aus dem sie kamen, sollten ganze Völkerschaften wieder verschwinden, die zur Donau vorgestoßen waren und ein paar Jahre oder Jahrhunderte an ihren Ufern siedelten, um prächtige Goldschmiedearbeiten, Gräberfelder oder nichts als ihre magischen Namen zu hinterlassen, Petschenegen, Humanen, Jazygen, Ghasaren, die kunstreichen Awaren, die mächtigen Daker …


Obwohl über ihre beiden Quellen Breg und Brigach im Schwarzwald und ihre dritte in Donaueschingen ewig der lokalpatriotische Streit gegangen und auch nicht präzise festzulegen ist, wo sie, im fast schon stehenden Gewässer des riesigen Donaudeltas, eigentlich ins Schwarze Meer mündet, wissen die Geographen heute seltsamerweise genau, daß die Donau eine Strecke von 2888 Kilometer zurücklegt, was sie nach der Wolga zum zweitlängsten Fluß Europas macht. Ein absolutes Gefälle von 678 Metern ermöglicht ihr ein meist sanftes, streckenweise indes wildes Fließen, ein Sachverhalt, der im statistischen Mittelwert von 23,53 Zentimetern Gefälle je Kilometer nur unvollkommenen Ausdruck findet. Ist sie bei Ulm mit einer Breite von etwa vierzig Metern noch ein deutscher Provinzfluß, hat sie sich bis Turnu Severin an der rumänisch—serbischen Grenze zu einem mächtigen Strom von 1500 Metern verbreitert. Erreicht sie bei Wien mit an die acht Kilometer in der Stunde eine vergleichsweise hohe Geschwindigkeit, ist sie im Donaudelta mit seinen unzähligen Seitenarmen und dem fließenden wie zurückfließenden Übergang ins Meer beinahe zum Stillstand gekommen. Den Fischreichtum der Donau rühmte in der Antike schon Plinius, der vom Hausen schwärmte, einem Fisch, der es auf neun Meter bringen konnte, und im Mittelalter noch Albertus Magnus in seinem Kompendium "De animalibus“; daß der Wiener Fischmarkt einst über fünfzig Fischarten anzubieten hatte, ist in den Berichten von staunenden Reisenden der frühen Neuzeit nachzulesen, indes der von alters her angesehene Beruf des Donaufischers vielenorts, und vor allem am reicheren Oberlauf, im 20. Jahrhundert ausgestorben ist, weswegen für die zahllosen Angler, die sich dort an den Ufern weiterhin tummeln, der Begriff des Sportfischers in Verwendung kommen mußte. Die Donauschiffahrt reicht in die älteste Zeit zurück, wobei anfangs bevorzugt flußnahe Rohstoffe und Güter wie Holz, Wein, Erze transportiert wurden Mit der Schiffahrt blühten die Ansiedlungen längs des Flusses und die edlen Künste des Schiffbaus auf, denen über Jahrhunderte nicht nur einzelne Handwerksfamilien, sondern ganze Städtchen ihren Wohlstand verdankten. Im niederösterreichischen Persenbeug verließen schon um 1800 jedes Monat vier Schiffe eine frühindustrielle Reederei. Fast ebenso alt wie Schiffahrt und Schiffsbau sind die Versuche, beiden Gefahren Herr zu werden, die dem geregelten Austausch von Waren auf der Donau drohten: den Tücken des Flusses suchte man durch kleinere und größere Regulierungen beizukommen und den Wechselfällen der Politik durch Konventionen, die den Schiffsverkehr auch im Krisenfall nach zuverlässigen und festen Regeln garantieren sollten. Bis ins 19. Jahrhundert aber hatten die Schiffer Stromschnellen, Strudel, jähe Verengungen zu fürchten, etwa bei Grein im österreichischen Strudengau, der das Grauen der Schiffer im Namen trägt, oder vor der einzigartigen, imposanten Naturkulisse des Eisernen Tores, wo Balkan und Karpaten aufeinanderstoßen; über manchen Konflikt und die erbitterte Feindschaft von Staaten und politischen Systemen hinaus blieben andrerseits zumeist Regeln in Kraft, wie sie selbst mitten im Kalten Krieg mit einer Konvention über die Schiffahrt auf der Donau festgeschrieben wurden, um die allgemeine Nutzung der Wasserstraße und die Internationalität des Flusses zu sichern. In den vierzig Jahren zwischen 1950 und 1990 hat sich denn die Tonnage der auf der Donau transportierten Waren, Rohstoffe und Güter immerhin verachtfacht. Durch den Rhein-Main-Donaukanal mit seinen Anschlüssen ist die europäische Kanalvernetzung, von der schon im 18. Jahrhundert der Kaiser und sein Ingenieur träumten, gegen Norden hin Wirklichkeit geworden. Der folgenreiche Bau von Kraftwerken – allein in Bayern sind zuletzt zwanzig davon errichtet worden – und die exzessive industrielle Nutzung des Flusses haben die Donau in den vergangenen Jahrzehnten ökologisch schwer geschädigt und den Artenreichtum drastisch reduziert. Der bedrohte Fluß ist andrerseits in allen seinen Ländern von Menschen wiederentdeckt worden, denen erst seine reale Gefährdung vor Augen führte, was er seit jeher für das Leben ihres Gebietes bedeutete und daß es keine Gewähr dauernden Wohlstands für sie ist, wenn auch weiterhin bedenkenlos Gift und Abwässer in ihn geschüttet werden. Freilich, immer noch bietet die Donau Aulandschaften, weitausgedehnt und unberührt, wie sie auf diesem dichtbesiedelten Erdteil sonst kaum mehr zu finden sind. Selbst ein Theodor W. Adorno fiel, merklich ergriffen von dem Erlebnis der Natur, in den Ton raunender Beschwörung, als er im aufgeregten Jahr 1987 in die Donauauen bei Wien geführt wurde: „Rätselhaft die große Einsamkeit am Strom, nur wenige Kilometer von Wien. Von Landschaft und Flora, hier schon östlich, hält ein pußtahafter Bann die Menschen fern, als wollte der ins Unendliche offene Raum nicht gestört werden."




DER ÜBERNATIONALE FLUSS


Wäre jener Ingenieur Maire auf eine abenteuerliche Reise gegangen, von der Quelle zur Mündung der Donau, er hätte etliche Länder passiert, Dutzende Sprachen gehört, nach vielen Riten beten können, aber auf seinen Wegen entlang des Stromes nur einmal eine Grenze zu passieren gehabt. Der Oberlauf der Donau gehörte dem Kaiser, der Unterlauf dem Sultan. An deren jahrhundertelangen Kampf erinnert noch heute manches selbst in den abgelegenen Dörfern des Hinterlandes und natürlich in den Städten am Fluß. An vielen Orten ist so jener Grimm nie erlahmt, mit dem am Portal der Pfarrkirche St. Stephan in Tulln an der Donau ein österreichischer Doppeladler seit Jahrhunderten einen Türkenschädel in seinen Krallen hält. Seit damals, als Österreich sich zur Donau-Monarchie entfaltete und das Osmanische Reich seine europäischen Bastionen noch nicht preisgeben mochte, sind es erheblich mehr Staaten geworden, die von der Donau durchflossen werden. Immerhin zehn waren es bei der letzten Zählung — auf mehr bringt es kein anderer Fluß dieser Erde, und wäre er, wie der Jangtsekiang, Nil, Mississippi oder Amazonas, mehr als doppelt so lang wie die Donau. Zehn Staaten? Nimmt man zu Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien noch die jüngst entstandene Slowakei, die aus dem Zerfall Jugoslawiens hervorgegangenen Republiken Kroatien und Serbien und die aus der Konkursmasse der Sowjetunion gebildeten Länder Ukraine und Moldawien dazu, steht man bei zehn. Doch könnten unberufen auch fünfzehn daraus werden, und noch mit zwanzig Donau-Staaten würden die neuen Herren der immer kleineren und immer patriotischeren Staaten jenes Ziel nicht erreicht haben, von dem sie alle träumen: und ethnisch einheitliche, völkisch gereinigte Staatsgebilde, in denen jeweils einer einzigen Staatsnation die unerhörte Glückseligkeit beschieden wäre, mit nur einer geheiligten Sprache, einer allein seligmachenden Religion, einem volkstümlichen Despoten und einer einzigen vorbildlichen Dummheit ganz alleine unter sich leben zu dürfen.


Das Land an der Donau selbst, durch Geschichte so geformt wie durch die Natur, widerspricht der Zwangsvorstellung eines Kontinents, der aus lauter Nationalstaaten gebildet wird. Über Jahrhunderte waren die Völkerschaften, Nationalitäten und Religionsgemeinschaften auf der Donau und der Donau entlang in Bewegung gewesen. Auf Schiffen, deren menschliche Fracht oft in die Tiefe gerissen wurde, auf Pferdewagen, die durch verseuchtes Gebiet fuhren, zu Fuß im Trott von Legionären und Söldnern; auf der Flucht vor religiöser Verfolgung, getrieben von der Sehnsucht nach eigenem Land, von den Mächtigen in die Fremde geschickt oder verlockt — in den Ländern der Donau waren die Menschen immer unterwegs, und wenn sie sich glücklich irgendwo seßhaft machten und eine Ansiedlung gründeten, wohnten schon im nächsten Dorf Menschen, die ihnen gleich waren nicht in Sprache und Ritus, aber im Schicksal: von irgendwo hierher verschlagen, voller Hoffnung, ihren Platz auf der Erde gefunden zu haben, an dem sie bleiben, arbeiten, sich vermehren und den Ihrigen einigen Wohlstand auf fruchtbarem Boden erwerben konnten. Gänzlich untrennbar sind die Nationalitäten im Donauraum ineinander verflochten, und wo einer herkommt, wie seine Großeltern sprachen, in welchem Gotteshaus wiederum deren Eltern ihre Gebete aufsagten, ist da zumeist durch keine Ahnenforschung mehr zu belegen. Überall an der Donau finden sich deutschsprachige Schwaben, die auf den ungarischen Namen Toth oder den slowakischen Prajko hören, indes ihre kroatischen Nachbarn den deutschen Namen Majster führen, die Ungarn gut serbisch Vidović heißen, die Rumänen sich gelegentlich slowakisch schreiben, und die Juden, am völkerverbindenden Fluß einst zwischen den Völkern so etwas wie die verbindende Nationalität, ihre Namen in vielerlei Sprachen führten und doch zu hüten wußten … und natürlich gibt es da eben nicht bloß, was zu erwarten wäre, nämlich katholische Kroaten und orthodoxe Serben, sondern auch noch Schokatzen und Bunjewatzen, die sich als Serben fühlen, aber katholischen Glaubens sind, und Pomaken, Bulgaren zwar, aber nicht nach bulgarisch orthodoxem Ritus, sondern islamisierte und darum bald privilegierte, bald mißachtete Bulgaren, und fromme Lippowaner, die aus den innersten Ländern ihrer strengen Glaubenstreue wegen ans Schwarze Meer kamen, aus der russischen Steppe und dem Staub Galiziens, und heute die Deltafischerei fast unter sich bestreiten … und unzählige anderer Menschen, die in Sprache, Religion, Gebräuchen nicht der einen, nicht der anderen, sondern gleich zwei, drei Nationalitäten zugleich zugehören, und wehe, wenn die Zeiten unerwartet wiederkehren, da von einem jeden die Entscheidung nur für eine davon verlangt wird, wo es doch seine Identität ausmacht, daß diese durch solche Entscheidung zerrissen wird …


Die nationale Identität, sie ist zumal am Balkan in vielen Fällen durchaus ungewiß, und vielleicht wird sie gerade deswegen manchesmal so martialisch betont, weil sie im Donauraum etwas Fließendes ist, keine zuverlässige Begrenzung hat. Der Haß auf den Nachbarn, wie er Wiederkehrend politisch mobilisiert zu werden pflegt, ist auch ein Selbsthaß, der gegen die Unsicherheit, das Ungewisse, Fließende, Schwankende der eigenen Existenz gerichtet ist … So barbarisch konnten die ethnischen Säuberungen der Gegenwart und Zukunft jedoch gar nicht durchgeführt werden, daß im Donauraum je Nationalstaaten entstünden, die in ihren Grenzen nicht gleich mehrere, von uralten Zeiten eingesessene Ethnien, Minderheiten genannt, zu fassen hatten. Wenn der Wahn völkischer Reinheit bleckend aufstampft, rast er alsbald gegen jene Menschen, in denen das Erbe verschiedener Völker am schönsten gemischt ist. Und wo wieder stupide die Umgrenzung der Völker, nicht der Austausch zwischen ihnen nationales Programm wird, dort klaffen die uralten, halbvergessenen Grenzen der Geschichte als neuaufgerissene Wunden, schneiden sie durch Regionen, über die unzerstörbar der Frieden gebreitet schien, und durch deren Bewohner selbst. Daß viele Völker an ihr siedeln, und zwar nicht bloß eines nach dem anderen und voneinander durch klare Grenzen oder gar durch den Fluß geschieden, ebendas, ihr multinationaler Charakter, machte den Segen der Donau aus, könnte diesen auch fortwirkend bedeuten, und war doch so oft bis in unsere Zeiten herauf nur ihr Fluch.




DER MYTHISCHE STROM


Seit die griechischen Argonauten wagemutig aufbrachen, der Ister, wie die Donau in der Antike hieß, flußaufwärts hinter ihr Geheimnis zu kommen, ist die Donau ein mythischer Strom. Ihr Mythos erzählt von Ursprung und Traum und davon, daß sie in ihrem Verlauf nicht allein Menschen, Städte und Länder verbindet, sondern zwei Welten: Europa und Asien, Abendland und Morgenland. Hölderlin rühmte die Donau als "melodischen Fluß", der zuwegebrachte, wonach er selber sich sehnsüchtig verzehrte — aus dem von kleingeistigen Fürsten geknechteten Deutschland ins freie, stolze Hellas zu führen. Wie die zwei Welten, von der Donau verbunden, zusammenfinden, dies mochte sich jede Epoche anders erklären. Für Hölderlin beginnt der Strom in Finsternis und Enge, um ins Helle, zum Licht zu fließen — an der Mündung erst erreicht ihm die Donau die Freiheit, erst wenn sie Deutschland, Österreich, Ungarn, den Balkan hinter sich gelassen hat, erblickt sie ihr Ziel, von dem sie doch die ganze Strecke, vorwärtsdrängend, schon weiß: Hellas, stolzes Maß großer Menschen.


Auch für die abertausenden Schwaben, die unter Kaiserin Maria-Theresia ins ferne Hungarland verschickt wurden, Protestanten, unzuverlässige Leute, Arme, die den Frieden der Provinz stören mochten, war der Fluß ein Versprechen von Freiheit. Irgendwo an der Donau, weit weg von den dicht besiedelten Gebieten Schwabens, Bayerns, Ober- und Niederösterreichs, mochten sich weite Räume auftun, die es zu kolonisieren, den Sümpfen abzutrotzen, gegen heidnischen Zugriff der Türken zu schützen, in Besitz zu nehmen galt. Und doch schien vielen dieser Wehrbauern und Handwerker die Ferne zwar als Versprechen von Wohlstand und Freiheit zu locken, aber auch als fremde, dunkle Welt zu drohen, die erst finsteren Mächten abgewonnen und mit dem Licht der mitgebrachten, der deutschen Kultur erhellt werden mußte. Ob die Donau der Zivilisation entspringt und mit den ostwärts verschickten Menschen die Barbarei immer weiter zurückdrängt oder gerade umgekehrt aus deutscher Enge ans Licht der vorurteilsfreien Antike, des großen weiten Meeres fließt, ob Glück und Freiheit also flußaufwärts oder flußabwärts liegen, ist an verschiedenen Orten der Donau zu verschiedenen Zeiten stets anders beurteilt worden. Die Scharen, die heute aus der Ukraine, aus Rumänien, Bulgarien gen Westen ziehen, suchen mit ihrer Heimat jedenfalls eine gefährliche, in aussichtsloses Elend niedergedrückte Region zu verlassen und streben aus Hölderlins Traumland, das niedergekommen ist, dem Wohlstand zu, der aus der Finsternis von gestern wächst und wächst.


Die Donau hat schon zur Römerzeit eine Grenze mit mächtigen Festungsanlagen gebildet, wie dem gegen die Markomannen aufgezogenen Lauriacum, am Zufluß der Enns in die Donau gelegen und heute Lorch benannt; für 8000 Mann war es damals gebaut worden, und überall an der Donau finden sich solche Reste von gewaltigem Mauerwerk und feiner Kunst der Römer — von der Castra Abusina beim bayrischen Eining über das grandiose Aquincum, eine ausgedehnte Römerstadt in Ungarn, die mit einer mustergültigen Kanalisation und urkundlich mit einem ausgefuchsten System überrascht, nach dem die Betriebskosten der kommunalen Wasserspülung für die Toiletten der privaten Haushalte berechnet wurden, bis hin zu den Denkmälern, die irgendwo in der Walachei wittern, dem Kaiser Trajan, der gegen die Daker zog, zum ewigen Gedächtnis. Zwischen Wien und Bratislava ragt das "Heidentor", Eingang in das sagenhafte Carnuntum, eine imposante Anlage, in der 30.000 Menschen gelebt haben müssen, militärisches und politisches Zentrum, mit einem großen Heerlager für die XIV. Legion und einem größeren Amphitheater; der Untergang des prächtigen Carnuntum kam vielleicht schnell, denn die Archäologen fanden Jahrhunderte später, ein barockes Motiv vor der Zeit, halbfertig gebackenes Brot im Ofen.


So dramatisch die Donau mit hochragenden Festungen bestückt ist, so oft sie blutig umkämpfte Grenze war, ist es ihr Ansehen doch gerade geblieben, fließend, verbindend alle Grenzen zu überwinden. Die Legenden der Donau sind allesamt von diesem humanen Mythos des Lebens gespeist, vielleicht mit einer einzigen Ausnahme, dem im Mittelalter entstandenen, in der Neuzeit ideologisch aufgerüsteten Lied von den todesversessenen Nibelungen. Sie, die den frühgriechischen Argonauten um Jahrhunderte verspätet entgegenzogen, sind in unheilvollen Zeiten stets gegen den Donautraum der vielen Völker aufgeboten worden, für das waffenstarrende Germania, das große Deutschland, das sich den Osten untertan machen oder todestrunken untergehen will. Das Lied von den getreuen Nibelungen, den mutigen Ostlandfahrern, singt einen kollektiven Todesmythos und ist so dem Donaumythos des Lebens und Fließens denkbar fremd entgegengestellt. Daß die Nationalsozialisten die Donau zum "Nibelungenstrom" machten, an dem auch ein Ort namens Mauthausen lag, markiert den schimpflichsten Verstoß gegen Hölderlins melodischen Fluß, der des Lebens Vielfalt preist. Mit den Nibelungen ist ein mächtiger Gegen—Mythos geschaffen worden, der so recht nicht zur Donau, eher an den Rhein paßt (vom dem die Nibelungen ja kamen) oder an irgendeinen Fluß von geringer Intelligenz, dessen Auftrag es in Sagen und Liedern von jeher gewesen sein mag, zwischen zwei Völkern eine Grenze zu bilden, die für natürlich gilt.


Freilich, der Mythos hat seine Wahrheit, aber er ist diese nicht selbst, sie muß ihm erst abgelesen, abgelauscht werden. Wie steht es heute mit der grenzenüberwindenden Donau, dem rollenden Völkerband des Liedes? Jedem der zehn Donaustaaten ist der Fluß auch eine Grenze. Zwischen Bayern und Österreich ist die fließende Grenze 21 Kilometer lang, zwischen Österreich und der Slowakei gerade noch sieben, zwischen der Slowakei und Ungarn immerhin 153; Kroatien und Serbien stehen sich zu beiden Seiten der Donau auf 158 Kilometern gegenüber, und Rumänien beansprucht die Donau gleich gegen alle seine Nachbarn als Grenze: 231 Kilometer gegen Serbien, 599 gar gegen Bulgarien, gerade noch einen hin zu Moldawien und gegen die Ukraine wieder 52 Kilometer. Gewiß, nicht daß es Staatsgrenzen gibt, ist entscheidend, und nicht, ob diese durch einen Fluß gebildet oder mitten im freien Gelände durch einen Schlagbaum markiert werden. Entscheidend ist allein, wie durchlässig die Grenze ist und für wen sie es ist, ob sie, was diesseits und jenseits von ihr geschieht, voneinander absperrt und trennt oder den Austausch nicht nur von Waren, sondern auch von freien Gedanken gleichermaßen ermöglicht wie die freie Bewegung der Anwohner.


Da der Raum, der einst bloß zwischen Österreich und der Türkei aufgeteilt war, heute staatlich zersplittert ist, gibt es keine christlich—abendländische und keine islamische Donau mehr, keinen Fluß der Habsburger und der Osmanen. Die von Prinz Eugen zu einem gewaltigen System von Kavernen, unterirdischen Gängen, Mauern ausgebaute Festung Peterwardein, gegenüber von Novi Sad und als Österreichs zentraler Stützpunkt im Kampf gegen die Türken errichtet, ist aus ihrer militärischen Verwendung ebenso schön zum Kulturdenkmal gealtert wie die vielen Festungsanlagen, die die Türken flußabwärts von Peterwardein errichteten, alle übertrumpfend, ein wenig ins Hinterland verlegt, die surreal in den Götterfelsen von Belogradčik geschlagene Feste Kaleto. Mit dem Ersten Weltkrieg, in dem eigene Donauflotten zum Gefecht aufgeboten und insgesamt 847 Schiffe versenkt wurden, sodaß die Donau zum Grab tausender Matrosen wurde, ist auch jener epochale Gegensatz zweier Großstaaten zusammengebrochen. Und doch, die heutigen Konflikte im Donauraum lodern nicht selten just dort auf, wo einst die militärisch erzwungene oder diplomatisch ausgehandelte Grenze zweier Reiche durch Regionen, Dörfer, Familien schnitt. Diese alten Grenzen wurden 1918 aufgehoben, hatten sich aber schon so unheilvoll dem Land eingekerbt, daß sie als innere Bruchlinien durch die neuen Staaten zogen. Bald nach 1945 fiel mit dem Eisernen Vorhang schier unüberwindlich eine zusätzliche Grenze herab, die die Donauländer ein weiteres Mal und entlang einer historisch gänzlich beliebigen Linie trennte. Der abgeblockte Südosten, in sich zerklüftet von den Grenzen, die wechselnde auswärtige Herren über Jahrhunderte immer neu gezogen hatten, geschichtliche Narben, die quer durch Länder und Regionen verliefen und sich bei akuter Reizung unvermittelt neu entzünden konnten, war nun abgesperrt und auf sich selbst zurückgeworfen. Kaum daß der Vorhang von den revoltierenden Menschen des Ostblocks nach über vierzig Jahren gehoben wurde, ist er von deren wohlhabenden Nachbarn im Westen schon wieder niedergelassen worden. Es gibt kein habsburgisches und kein osmanisches Donaureich mehr, keinen Konflikt eines freien und eines unterdrückten Kontinents, keine Koexistenz von parlamentarischen und volksdemokratischen Republiken, kapitalistischen und kommunistischen Staaten; aber es gibt zwei Europa, die von der Donau verbunden werden und neuerlich getrennt sind: ein Europa des Wohlstands schottet sich ab gegen ein Europa der Armut, in dem die Völker aufeinanderschlagen mögen und ein jeder, der es schafft sich loszureißen und die gesperrten Grenzen illegal zu überwinden, sein Glück donauaufwärts zu finden trachtet.




DER IDEOLOGISCHE FLUSS


Zwei Ideologien, die einander bekämpfen, doch zusammengehören, haben seit je darum gerungen, den Donauraum zu beherrschen. Béla Bartók, von der Donau vertrieben, hat sie 1942 in seinem fernen Exil erkannt und beschrieben. Beide schränkten sie ihm die schöpferischen Kräfte des einzelnen wie der Gesellschaft ein, beide hemmten sie just dort, wo sie freie Entfaltung verhießen. Sowohl das "Scheinhafte einer übertreibenden Zusammengehörigkeits-Ideologie" lehnte Bartók ab, als auch deren Gegenstück, "den substantiellen Schein der Nationalcharaktere". Das eine und das andere ist Schein, also Täuschung, die freilich über die Menschen, die ihr erliegen, verheerend in die Wirklichkeit einzugreifen vermag. Eine manchmal fromme Täuschung ist es, die Gebiete der Donau als einheitlichen Kulturraum zu sehen, der nur der glücklichen politischen Vereinigung harrt; eine fast niemals fromme Täuschung ist es hingegen, wenn jede der kleinen Völkerschaften als autonome Einheit gesetzt wird, in der ein mythischer Nationalcharakter west. Die eine Ideologie vereinnahmt mit menschenfreundlicher Geste, die andere schließt mit grimmiger Miene aus. Die eine sucht unruhig den großen Zusammenschluß eines Imperiums und sich beständig erweiternden Wirtschaftsblocks, die andere ist eitel zufrieden mit der Selbstbezogenheit der Kleinstaaterei. Die übertreibende Zusammengehörigkeit, die Bartók als geistloses Prinzip zuwider war, geht von einer Totalität aus, in der die fruchtbaren Widersprüche abgeschliffen werden; der Kult des mythischen Nationalcharakters wiederum, vor dem es Bartók graute, führt zum Totalitarismus, der Widerspruch gar nicht duldet. Das eine Programm mutet gerade heute sympathisch an, setzt es doch gegen den barbarischen Zerfall auf die vereinigende Synthese. Aber es hat kulturgeschichtlich nicht nur den Berufsstand des schöngeistigen Festredners und europäischen Phrasendreschers ungebührlich bevorzugt, sondern leider auch das andere, gänzlich unveredelte Programm als sein notwendiges Gegenstück hervorgebracht: die Ranküne der nationalen Borniertheit und Kleinstaaterei. In sie flüchten sich die Opfer des großzügig über alle Unterschiede hinausblickenden Universalismus. Der Ideologie des einheitlichen Donauraumes haben in den letzten zweihundert Jahren viele achtbare, von den schönsten Idealen beflügelte Geister ihren Tribut entrichtet. Der Rumäne Aurel Popovici, enthusiasmiert von der Vorstellung, die Donau selber würde ihre Völker auf einen dauerhaften Frieden verpflichten, veröffentlichte 1906 sein Buch "Die Vereinigten Staaten von Groß-Österreich", in der er die Vision einer Donaukonföderation bis ins bevölkerungsstatistische Detail ausbreitete und sich an den Entwurf einer geopolitischen Ordnung des ganzen Raumes wagte. Noch im Zweiten Weltkrieg geistert die Vorstellung eines großen, föderativ oder gar nach dem Vorbild des Commonwealth aufgebauten Donaureiches durch manche Konferenz von Machtpolitikern und manches Treffen heimwehkranker Emigranten aus den Donaustaaten — und sieht man, welche Ordnung stattdessen über Europa verhängt wurde, braucht man über ihren Donautraum auch gar nicht weiter zu spotten.


Und doch hatte Béla Bartók recht, wenn er im politischen Universalismus, über den Donauraum gestülpt, keine Idee sah, die ins Offene führt, sondern eine Ideologie, die sich gegen das Lebendige wendet. Denn die Donau bietet in Wahrheit gerade keinen einheitlichen, sondern einen wunderlich uneinheitlichen Kulturraum, der durch eine frappante Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen geprägt ist. Nachindustrielle und vorindustrielle Regionen und Lebensformen wechseln einander ab, städtische Metropolen und bedrohte ländliche Idyllen, postmoderne und vormoderne Strukturen, unerhörter Reichtum und bitterste Armut, digitalisierte Zonen und solche, die noch nicht einmal elektrifiziert sind; während zwischen Ulm und Budapest Geschäfte bald schon nur mehr per Computer und bargeldlos abgewickelt werden, haben sich in Bulgarien, eine andere Form bargeldlosen Verkehrs, in manchen Belangen das Bic-Feuerzeug und das Päckchen geschmuggelter Marlboro—Zigaretten als Währungsmittel durchgesetzt. Da ist nichts von einheitlichen Lebensverhältnissen, verbindenden Idealen, wenig vom großen gemeinsamen Traum zu erkennen; was die Lebenskultur betrifft und wie sie die tägliche Existenz von Abermillionen Menschen durchformt, hat die Donau zwischen Donaueschingen und Sulina nahezu alles zu bieten, was zwischen Erster und Dritter Welt Menschen heute erproben möchten oder aber erdulden müssen. Ein Donaureich, in der die Computeringenieurin aus Passau gleichermaßen ihre Heimat sehen konnte wie ein Brackwasserfischer des Donaudeltas, kann es so leicht, wie es ausgedacht wird, nicht geben, und es würde überdies als Herrschaft der finanzstarken Metropolen und industriell fortgeschrittenen Regionen über die Ränder heranrauschen: ein von hochtechnologischer Industrie gesäumter Oberlauf würde in einen Unterlauf übergehen, der durch die künstliche Idylle eines gigantischen Fremdenverkehrsparks führte. Im Westen die Geschäfte, im Osten die Erholung, und indes die hochgestreßten Menschen des Oberlaufs Urlaub im Augebiet des wildromantischen Unterlaufs machen und sich dort von den professionell naturwüchsigen Einheimischen folkloristisch umsorgen lassen, wandern die jungen Anwohner des Unterlaufs dem Westen zu, um sich in der Fremde als Arbeitskräfte zu verdingen. Der politische Universalismus eines geeinten Donaureiches müßte solcherart rasant zerstören, was er gerade zu schützen verspricht: nämlich das Nebeneinander des Verschiedenartigen, die schillernde Fülle an Gegensätzen. Was heute noch ganze Regionen prägt, hätte seinen Platz dann in besonderen Reservaten: Naturmuseum für zivilisationsflüchtige Naturzerstörer.




DER FLUSS DER GLEICHZEITIGKEIT


Die Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen, die den Donauraum prägt, kann fruchtbar und kann furchtbar sein. Allzu oft werden wir heute nur mit dem Furchtbaren konfrontiert, das aus dieser Gleichzeitigkeit springt: mit dem Gegensatz von Luxus hier und Elend dort, oder, überbordend abstrus, von aberwitziger Pracht und ungeheizten Winterwohnungen in ein- und derselben Stadt, etwa im Bukarest des Conducators Ceaucescu, in ein und demselben Staat, etwa der Ukraine von heute, wo einer Handvoll Millionären Millionen Hungerleider gegenüberstehen. Am akuten Gegensatz von weltoffenen wohlhabenden Städten und ihrem von alten Traditionen geprägten Umland haben sich immer wieder Bürgerkriege entzündet, ausbrechend voll jähem Haß, unerwartet, unbegreiflich, selbstzerstörend. Bogdan Bogdanović, einer der bekanntesten Architekten des Balkens und letzter demokratischer Bürgermeister der Donaustadt Belgrad, hat in den verschiedenen Kriegen, mit denen Jugoslawien so blutig zerfallen ist, auch einen Krieg des Landes gegen die Städte erkannt. Nicht zufällig waren es gerade die toleranten, offenen, architektonisch bedeutenden Städte, die als erste zum Objekt systematischer Zerstörung wurden, Städte, in denen das zeitgenössische urbane Leben sich aus einer langen städtischen Tradition entfalten konnte. Die Provinz, unter das Kuratel strenger, doch vermeintlich gesunder Werte gestellt, rächt sich an der Stadt, in der das Leben von je her anders organisiert und mit dem Verbotenen, der Sünde privilegiert war. Der Sturmangriff auf die Städte mit ihrer praktizierten Toleranz ist denn zu verschiedenen Zeiten in allen Donauländern versucht worden. In den dreißiger Jahren wendet sich der österreichische Katholizismus aus dem ohnmächtigen Grimm über die gottlose Großstadt ins Politische und rüstet gegen das lasterhafte Wien; im östlichen Nachbarland ist es nicht viel anders, die rassistisch verschnittene Ideologie des reinen Ungartums setzt an, das weltoffene Budapest zu erobern und die Juden, Kosmpoliten, Liberalen, all die Verräter an der mythischen Substanz des ungarischen Volkswesens, hinwegzufegen. Daß sie unübersichtlich ist, bedroht die Moderne, denn der Haß auf sie, wie er im Granatenhagel auf die kosmopolitischen, lebensfrohen Städte kollabiert, ist aus der Furcht vor ihr gewachsen. Der Krieg, dessen Ende heute noch nicht abzusehen ist, endete einst, vor fünfzig Jahren, wie er morgen, übermorgen enden wird: mit einem grausam paradoxen Sieg derer, die ihn gewollt und verloren haben — denn die verhaßten Städte werden auch diesmal in Trümmer liegen, indes das Land, bestimmt vom Jahreszyklus und geordnet nach altem Maß, rasch wieder zum alten Leben erwacht.


Die Gleichzeitigkeit von mächtiger Stadt und traditionellem Umland kann furchtbar freilich auch nach der anderen Richtung schlagen. Die sogenannte "Dorfsystematisierung", mit der Ceaucescu in Wahrheit systematisch die widerständigen Traditionen des Landes brechen, die siebenbürgische Identität zerschlagen wollte, war ein solcher Angriff des Zentrums auf die Ränder. Ceaucescu war aber nicht nur die abstoßende Karikatur eines Vaters der Nation, der seine Wurzeln im untergegangenen Dakien wähnte, nicht nur jener Verfechter einer asiatischen Despotie, als der er oft charakterisiert wurde, sondern er war auch ein wütend ungelehriger Schüler des Westens, der diesen stets zu übertrumpfen suchte. Bukarest hat immer nach Westen geblickt, über die Donau hinaus, nach Paris. Indes in den Vororten von Bukarest noch die Schafe weideten, haben Bukarester Künstler schon in den zwanziger Jahren aus Eigenem entdeckt, was in Paris erst später große Mode werden sollte. Gerade in einem Land, in dem die Jahrhunderte aufeinandertrafen und im Schatten der ersten Wolkenkratzer noch die Selbstversorgung der Kleingärtnerei blühte, wurde ein so markant modernes Phänomen wie der Surrealismus entdeckt — nicht als intellektuelles Spiel, sondern als Möglichkeit, die Wirklichkeit, wie sie sich aus uralt Überständigem und gänzlich Neuem zugleich zusammensetzt, zu deuten und zu verstehen. Die Bukarester Intellektuellen blickten immer die Donau hinauf und über deren Quelle hinaus, sie selbst aber werden von Europa erst bemerkt, wenn sie ihre Heimat verlassen und, wie Eugène Ionescu, Tristan Tzara oder Emile Cioran, geistig nicht mehr mit ihren rumänischen Wurzeln, sondern mit Paris oder Zürich verbunden werden. Auch Ceaucescu hat in den Westen geblickt und diesen mit der Barbarei der Dorfsystematisierung gleich wieder aufs lächerlichste zu übertreffen versucht. Es ist bemerkenswert, daß unter den unzähligen Verstößen gegen Menschenrecht und Vernunft, die er methodisch exekutierte, ausgerechnet das Wahnziel der rücksichtslosen agrarindustriellen Modernisierung Ceaucescu so wütende Kritik des Westens eingetragen hat. Dabei hatte er hier unter den rumänischen Bedingungen von Armut und Despotie nur etwas nachzuholen — und natürlich gleich wieder katastrophal zu überbieten – versucht, was in den wirtschaftlich entwickelten Ländern des Westens unter ihren Verhältnissen von Wohlstand und Demokratie längst vollzogen worden war: die Zerstörung der traditionellen ländlichen Strukturen mitsamt ihrer alten Architektur und der störenden Treue der Menschen zu ihrem Boden, zu ihrer Arbeit. Was Bauern nie waren, fungible Arbeitskräfte, von hier nach dort verpflanzbar, sind sie in den Industrieländern längst geworden und sollten sie nach dem Wunsch des Conducators auch in Rumänien werden. Wo bei uns der abstoßende alpenländische Protzbau stampfend über die Besonderheiten einer regionalen Architektur gezogen ist, wäre in Rumänien der über Jahrhunderte gewachsene Reichtum des feinziselierten siebenbürgischen Holzhaus freilich nur durch industriell verfertigte Elendsware ersetzt worden …


Von Ceaucescus Kampf gegen die besondere Welt der Dörfer weiß jedermann, von den rumänischen Avantgardisten kaum irgendwer. Denn die Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen wird uns meist nur bewußt, wenn sie furchtbar, kaum aber, wenn sie fruchtbar wirkt. Dabei ist sie die längste Zeit über für den einzelnen wie für die Gesellschaft kein zerstörerisches, sondern ein befreiendes Moment. Was die Donau mit ihren Ländern und Menschen so anziehend macht, ist eben die Gleichzeitigkeit, der sich auf engem Raum entfaltende Widerspruch: nicht unberührte Natur, nicht einheitlich durchformte Kultur, bietet die Donau immer das Zugleich, von Völkern, Religionen, Sprachen, von Entwicklungsstufen der Ökonomie, von Traditionen, die nicht preisgegeben, und Aufbrüchen, die gewagt werden, von Besonderheiten einer Volksgruppe, die trotzig bewahrt, und Verflechtungen mit der Welt, die als das Selbstverständliche gesucht werden. Wann immer in der Geschichte die Gleichzeitigkeit aufgehoben werden sollte — ob von den Strategen der Macht, die ihre großen und kleineren Reiche zur Einheit zwingen wollten; von den Propheten des Fortschritts, denen der Fluß selber verdächtig ist, weil er so unpraktisch windungsreich fließt, anstatt schnurgerade ins nächste Laufkraftwerk zu strömen; von den Fanatikern der Ideologie, die sich daran abarbeiten, daß die Menschen eines Tages alle im selben Takte denken —, wann immer die verstörende Gleichzeitigkeit im Donauraum aufgehoben werden sollte, war halb Europa nahe daran, aus der Balance zu kippen. Die Donau verträgt keine Hegemonie, auch nicht den hegemonialen Anspruch des Gutgemeinten. Die Gleichzeitigkeit ist ihr historisches Schicksal und ihre Lehre. Dieser Lehre gerecht zu werden, ist das Einfache, das oft so schwer fällt.



[1] Inge Morat, Karl-Markus Gauß: Donau. Edition Fotohof im Otto Müller-Verlag, 1995. Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers.